Virtuelle Serviceangebote auf dem Prüfstand: Die sechs Irrtümer über »die Cloud«

Eines gleich vorneweg: Ein grundlegender Irrtum besteht in dem Eindruck, es gebe „DIE Cloud“. Selbst wenn in allen möglichen Medien von „der Cloud“ die Rede ist, handelt es sich in Wahrheit um ganz unterschiedliche Serviceangebote. Und diese haben nur wenig gemeinsam.

So sind Software-as-a-Service-Angebote wie Wunderlist oder Evernote ebenso Cloud-Services wie Amazon Cloud (AWS) oder Microsoft Azure. Es gibt tausende Angebote, die unterschiedlichste Dienste über das Internet zur Verfügung stellen.

Konkret möchte ich in diesem Artikel primär Infrastruktur- oder Plattform-as-a-­Service-Anbieter wie Amazon, Microsoft oder Google ansprechen. Natürlich gibt es mittlerweile viele Leute, die sich wirklich gut mit Cloud-Diensten auskennen und damit sinnvolle und tolle Sachen machen. Aber genauso gut begegnen mir – besonders im Management – Vorstellungen, die eher von den Visionen aus Marketing und Presse, denn von der Praxis geprägt sind. Als CEO der ADACOR Hosting GmbH kann ich Theorie und Praxis ganz gut vergleichen. Das brachte mich auf die Idee, die häufigsten Irrtümer in Bezug auf die Cloud einmal aufzulisten.

1. Irrtum – Günstigster Preis ist gleich bestes Angebot

Auf den ersten Blick erscheint die Auswahl eines Cloud-Anbieters recht einfach. Man vergleicht Preis und Leistung, wie viel RAM, CPU und Storage bekomme ich für welchen Preis. Damit fängt das Dilemma an.

Wir leben in einer virtualisierten IT-Welt und Cloud. Virtualisierte Server, Storage und Netzwerk sind nicht greifbar. Es gibt keine einheitlichen Leistungsparameter, über die ich Preis und Leistung vergleichen kann. Wie viel CPU-Leistung meine virtuelle Maschine (VM) im praktischen Einsatz besitzt und ob diese immer bereitsteht, wenn ich sie brauche, erfahre ich nur in der Praxis oder durch umfangreiche Tests. Gleiches gilt für die Input- und Output-Performance meines Speichers. Eines wird damit klar: Es braucht viel praktische Erfahrung, um das beste Preis-Leistungs-Verhältnis für ein Projekt zu bestimmen.

Sobald die Projekte komplexer werden, wird auch das Preismodell komplizierter. Gerade bei AWS gibt es unglaublich viele den Preis beeinflussende Parameter. Das führt zu der Situation, dass selbst erfahrene Cloud-Nutzer nicht mehr in der Lage sind, die Projektkosten im Vorhinein präzise zu bestimmen.

2. Irrtum – Die Cloud ist immer günstiger.

Die Erwartungshaltung eines Einkäufers oder Entscheiders lautet üblicherweise: Ich gehe in die Cloud und alles wird billiger. Das kann so sein, muss es aber nicht. Der Vorteil der IaaS-Anbieter (Infrastructure as a Service) liegt in der flexiblen Nutzung von Ressourcen und deren Skalierung. Damit kann man beim passenden Szenario in der Tat Kosten sparen. Wenn man aber keine flexiblen Anforderungen hat (und das ist überraschend häufig der Fall), keine Skalierungsszenarien, sondern durchgehend und längerfristig eine bestimmte Performance benötigt, dann kann ein klassischer Betrieb auf eigener Hardware deutlich günstiger sein. Gerade dann, wenn das Unternehmen ein eigenes oder gemietetes Rechenzentrum einsetzt und über ein Team aus guten Administratoren verfügt.

Ein Beispiel:

Eine klassische interne Business-Anwendung mit leistungsfähiger Datenbank wird auf zwei oder drei gleichbleibenden, leistungsfähigen Servern installiert und steht sieben Tage die Woche rund um die Uhr zur Verfügung. Das muss so sein, damit man auch außerhalb der üblichen Arbeitszeiten darauf zugreifen kann. Wird eine solche Konstellation in die Cloud verlagert, müsste man sie genauso abbilden. Dadurch würde man weder von der Flexibilität, noch von den Skalierungsmöglichkeiten profitieren. Wenn Rechenzentrum und Administratoren schon vorhanden sind, bin ich mir sicher, dass der Betrieb auf eigener Hardware mit eigener Infrastruktur günstiger ausfällt.

ADACOR verfügt als Hosting-Unternehmen über das komplette Instrumentarium. Dennoch setzen wir nicht alles mit Cloud-Technologien um. Häufig bietet der klassische Ansatz einfach ein besseres Preis-/Leistungsverhältnis. Auch wenn das den Einkauf manchmal irritiert.

3. Irrtum – Wechseln kann man immer

Oft entsteht der Eindruck, dass IaaS-Angebote weitgehend technisch vergleichbar sind und man jederzeit wieder wechseln kann, wenn man unzufrieden ist. Die Anbieter haben ja die gängigsten Linux-­Distributionen und Datenbanken parat. Für einfache Projekte stimmt das, aber sobald die Vorhaben komplexer werden und die eigentlichen Anbietervorteile genutzt werden sollen, sieht das anders aus.

Cloud-Plattformen wie AWS, Azure oder Google Cloud bieten alle erforderlichen Schnittstellen, über die sämtliche Funktionen angesprochen werden können. Damit wird eine weitgehende Automatisierung möglich. Darin liegt einer der wahren Vorteile solcher Plattformen; allerdings macht sie das auch inkompatibel. Die Konzepte beim Loadbalancing, Netzmanagement und Fire­walling unterscheiden sich deutlich, was es nicht einfacher macht.

Ähnlich wie bei verschiedenen Betriebssystemen Anwendungen, die unter Windows entwickelt wurden, auf MacOs oder Linux portiert werden müssen, designt man ein größeres Projekt ebenfalls auf die spezifischen Cloud-Funktionalitäten einer Plattform hin. Wenn man sich dessen bewusst ist, macht das Sinn. Aber der Wechsel zu einem anderen Anbieter ist danach nur mit einem Projekt-Re-Design möglich.

4. Irrtum – Ich habe 99,99 % Verfügbarkeit

Alle großen Anbieter werben mit einer hohen Verfügbarkeit. Meistens 99,99 %. Also kann nichts mehr viel schiefgehen.

Wenn man sich die SLAs etwas genauer anschaut, relativiert sich das. 99,99 % – bezogen auf was? Auf den Monat oder auf das Jahr? Da muss man schon das Kleingedruckte lesen. Da steht dann natürlich auf das Jahr. 99,99 % ist eher eine Zielverfügbarkeit. Der eine gewährt je betroffenen Service pro Monat 10 % Rückzahlung, andere erstatten die Ausfallzeit nicht. Zumindest in Deutschland wäre es auch schwierig, Geld für eine nicht erbrachte Leistung einzufordern. Es handelt sich also eher um Marketingaussagen, als um wirkliche Leistungsversprechen. Das soll jetzt nicht heißen, dass alle Anbieter schlechte Verfügbarkeiten haben. Aber es wird immer wieder von Ausfällen berichtet – auch bei den großen Anbietern –, die über Stunden und Tage andauern, und darauf muss man sich einrichten.

Natürlich ist es möglich – das entsprechende Know-how vorausgesetzt – auf Basis eines IaaS-Anbieters eine hochverfügbare Plattform zu bauen. Das muss aber bereits in der Konzeption der Applikation angelegt sein. Dann kann man von den verteilten Infrastrukturen der Anbieter profitieren. Aber das geht nicht von allein. Wie man Verfügbarkeit berechnet habe ich einem weiteren Beitrag beschrieben.

5. Irrtum – In der Cloud sind meine Daten sicher

An dieser Stelle mache ich es kurz: In der Cloud sind Daten nicht sicherer als in einer eigenen Infrastruktur. Applikationen und Server können genauso gehackt werden, ein Filesystem kann kaputtgehen, ein Backup kann schiefgehen…

6. Irrtum – Wo genau die Daten liegen, kann mir doch egal sein. Hauptsache sicher.

Wenn es sich um reine Marketing-Maßnahmen handelt, bei denen keine personenbezogenen Daten erhoben werden, stimmt das. Aber wenn E-Mail-Adressen oder Kontaktdaten gesammelt werden, spielt der Standort allein aus rechtlichen Gründen eine Rolle. Leider gibt es zwischen den deutschen Datenschutzgesetzen und den US-amerikanischen Regularien grundlegende Konflikte. Diese führen dazu, dass sich ein deutsches Unternehmen angreifbar macht, wenn es personenbezogene Daten bei einem US-amerikanischen Anbieter unverschlüsselt hostet.

Zurzeit führt das zu interessanten Konstellationen. Um dem deutschen Datenschutzrecht zu genügen, hostet beispielsweise T-Systems hierzulande mit Azure den Mitbewerber Microsoft.

Fazit

Abschließend bleibt zu sagen, dass uns Cloud-Anbieter viele neue, tolle Optionen bieten und unseren Umgang mit IT verändern. Aber nicht jede Vision oder jede Marketingaussage bewährt sich in der Praxis. Es lohnt sich, gängige Meinungen und vor allem Marketingaussagen in Bezug auf das eigene Projekt konkret zu hinterfragen.

Thomas Wittbecker

Thomas Wittbecker ist einer der Gründer der ADACOR Hosting. In seiner Funktion als CEO ist er im Unternehmen vor allem für die Neu- und Großkundengewinnung, Finanzen und Kommunikation verantwortlich.
In seinen Fachartikeln setzt er sich pointiert mit Themen und Phänomenen auseinander, die ihm im Arbeitsalltag begegnen. Er betreibt auch einen eigenen Channel bei Youtube.
Als Visionär vertritt er die Überzeugung, dass es für ein Unternehmen wichtig ist, ein verlässlicher und langfristiger Partner aller Stakeholder zu sein.

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